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Wiedersehen mit Eberswalde


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Der Weg ins Lager – Schluss und aus mit der glücklichen Kindheit!


Janina Wyrzykowska 

Am 1. September 1939 gab es im Radio immer wieder die bedrohliche verschlüsselte Ansage: „Achtung, Achtung, es kommt!” Und dann „Vorbei, vorbei.“ Das waren Warnungen unmittelbar vor der Bombardierung. Und die Sirenen heulten. Aus dem dritten Stockwerk mussten wir runter in den Keller, einen gewöhnlichen Keller in unserem Wohnhaus, Luftschutzräume gab es nicht. Verängstigt saßen wir da. Alle beteten.

Dann kamen die Besatzung und der Terror. Schluss und aus mit der glücklichen Kindheit! Und ich war erst elf. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, von meinen Eltern getrennt zu werden. Darüber hinaus fürchtete ich mich schrecklich vor den Deutschen, da ich wusste, dass sie Menschen fingen und verschleppten. Straßenrazzien waren an der Tagesordnung. Du gingst aus dem Haus und wusstest nicht, ob du zurückkommst.

Als wir am 1. August 1944 Schüsse auf der Straße hörten, wussten wir sofort, dass es losging: der Aufstand. Zwei oder drei Tage später stürmten die Deutschen unser Haus und führten alle Männer ab. Meinen Papa auch. Zur Erschießung. Wir waren völlig verzweifelt. Doch die Aufständischen befreiten sie, und Papa kam zurück. Das war ein großes Glück. Aber ständig gab es Bombardierungen und Beschuss. Ich weiß noch, wie Mama einmal alleine unterwegs war und wir alle zitterten, ob sie zurückkommt. Dann sagte Papa, sie solle nie alleine irgendwohin gehen. „Wenn wir schon umkommen müssen, dann alle zusammen.“ Später wurden wir aber doch getrennt.


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Wacława Gałęzowska


Als der Aufstand in Warschau begann, wollten meine Freundin Marysia, die in derselben Straße wohnte, und ich unbedingt helfen. Einige Male trugen wir Verwundete ins Krankenhaus. Am 4. oder 5. August kamen die Deutschen und trieben uns aus dem Keller. „Raus, raus, aber schnell!“ war zu hören. Eine riesige Menschenmenge schlängelte sich durch die Straßen. Warschau brannte. Mit der Stadtbahn brachte man uns zu einem Durchgangslager in einer alten Eisenbahnwerkstatt. Meine Freundin und ich trafen dort eine ältere Frau aus unserer Straße, und sie wurde unsere Ersatzmutter. Nach ein paar Tagen mussten wir in Güterwaggons steigen, und der Zug fuhr los. Über Oranienburg gelangten wir nach Ravensbrück.

 

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Marianna Bogusz


Ich ging mit meiner älteren Schwester zur Schule, eigentlich zum Geheimunterricht in einer privaten Wohnung. Dort wurden wir mit den anderen während des Aufstands abgeholt. Wir flüchteten dann durch verschiedene Keller, wurden aber auf einer Straße wieder geschnappt. Die Deutschen trieben gerade eine große Menschenmenge von einem Marktplatz, und wir mussten mit. Zu Fuß liefen wir nach Pruszków, einige Kilometer von Warschau.

Dort wimmelte es nur so von Menschen. Alle vom Aufstand. Niemand fragte, woher jemand kam, in welcher Straße er wohnte. Alle dachten vor allem an sich selbst und ihre Angehörigen. Etwas Essen aufzutreiben, einen Platz zu finden – das waren die Sorgen. Auf einmal ging ein Gerücht durch die Menge, dass das Rote Kreuz angeblich Milchgrieß für die Kinder und Tee verteilte. Neben mir stand eine Frau mit einem Baby und einem etwas älteren Jungen, und sie wollte unbedingt diesen Milchgrieß holen. Wir hatten ja nichts zu essen. Sie bat mich, auf das Kind aufzupassen, gab es mir und ging. Einige Stunden habe ich das Baby getragen, gewiegt, damit es nicht weinte, an mich geschmiegt, bis seine Mutter zurückkam. Sie brachte tatsächlich ein Glas mit Grieß mit. Aber das Baby war unterdessen gestorben, und ich wusste es nicht. Bis dahin hatte ich noch nie einen Toten gesehen, jetzt hielt ich ein totes Kind in den Armen. Die Mutter war verzweifelt. Dann gruben wir ein kleines Loch in der Erde, und am Zaun wurde das Baby verscharrt.


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