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Wiedersehen mit Eberswalde


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Lageralltag – Neun Monate in einem Kleid

 

 

Marianna Bogusz


Ich war noch 14 Jahre alt, als ich zusammen mit meiner Schwester in Eberswalde landete. Das Eingangstor zum Lager lag nahe der Hauptstraße. Dort stand ein Wachhäuschen mit Wachmann. Und es gab Zäune aus Stacheldraht, drei Zäune, das ganze Gelände war umzäunt. Ein Zaun, der zweite unter Strom und noch ein dritter. An den Ecken standen Wachtürme und darauf Wachmänner mit Maschinenpistolen. Wir dachten aber gar nicht an die Flucht. Wie denn? Der Zaun reichte bis zur Erde, man hätte graben müssen, aber womit? Mit bloßen Händen? Und wohin dann fliehen? Wir hatten keine richtige Kleidung, kannten die Sprache nicht. Die Deutschen hätten uns ohnehin verpfiffen, da sie Angst hatten, selbst in einem Lager zu landen.

Die hygienischen Verhältnisse waren so, dass ich die ganzen neun Monate in diesem einem Kleid herumlief. Wäsche waschen konnte man nicht. Ich spürte den Dreck und Gestank. Dazu noch die Läuse, unglaublich viele! Das Kleid war schrecklich dünn, und während der Appelle, wenn die Aufseherinnen nicht ganz nahe waren, versuchten wir uns aneinander zu wärmen. Das war aber verboten, da wir einen ausgestreckten Arm Abstand halten mussten. Wir hatten keine Wäsche, keinen Schlüpfer, keine Strümpfe. Mit nackten Füßen standen wir Appell und liefen zur Fabrik. Die Kälte war schrecklich, die erfrorenen Füße schmerzten so sehr.

Auf dem Appellplatz standen längliche Waschbecken mit Wasserhähnen. Morgens, vor dem Appell, lief das Wasser drei, vielleicht fünf Minuten. Schaffte eine sich ein wenig zu waschen, war es gut, schaffte sie es nicht, dann eben nicht. Einmal seifte ich mir die Haare mit der sandigen Seife ein. Ich hatte sehr dichtes Haar. Dann wollte ich es ausspülen. Mit kaltem Wasser, Warmwasser gab es nicht. Aber das Wasser war schon abgestellt, und ich blieb mit dem eingeseiften, klebenden Haar zurück und musste so in die Fabrik.

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Janina Wyrzykowska 

Eberswalde: Wieder Stacheldraht, wieder die SS-Männer, Aufseherinnen und Hunde. Wieder diese Ungewissheit, was aus uns wird. Jeder Tag war wie ein Geschenk, denn man wusste nicht, weswegen man geschlagen werden könnte. Sagte man etwas oder machte etwas falsch, bekam man sofort einen auf den Kopf.

In der Baracke gab es einen großen Raum, in dem dreistöckige Pritschen standen. In der Mitte war ein Ofen. In dem Vorraum stand ein Kübel, denn nachts konnten wir die Baracke nicht verlassen. Ich weiß nicht mehr, was für Decken wir hatten, weiß nur, dass ich ständig fror. Nachdem die Baracke abends abgeschlossen worden war, schliefen meine Mama und ich zu zweit auf einer Pritsche. Dann war es ein wenig wärmer.

Morgens bekamen wir ein winziges Stück Brot, das für Frühstück und Abendbrot reichen musste. Manche aßen das Brot sofort auf, aber wir, meine Mama und ich, taten das nie, wir ließen immer den Rest für den Abend. Und dann gab es noch einen Becher Kaffee, schrecklich bitter, aber warm. Man trank ihn also. Wenn wir nachts in der Fabrik arbeiteten, dann aßen wir zu Mittag im Lager. Es stand dort eine Baracke, man ging mit der Schüssel hin und holte Suppe ab. Aber es gab keinen Platz, wo man sich hinsetzen konnte. Das Essen war ekelhaft, widerlich, geriebene aufgebrühte Kartoffeln ohne Salz oder Steckrüben.

Einmal ist eine Ukrainerin ausgebrochen, wurde aber schnell wieder gefangen. Die Deutschen stellten einen Galgen auf dem Appellplatz auf, und sie wurde dort aufgehängt. Wir, das ganze Lager, mussten Appell stehen. Der Lagerkommandant sagte: „Schaut euch das genau an. Das geschieht mit jeder, die flieht.“

 

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Wacława Gałęzowska


Das Lager war mit Stacheldraht unter elektrischer Spannung umzäumt, ich erinnere mich noch an die Sicherungen. Ich weiß noch, wie eine nicht mehr aushalten konnte und sich auf diesen Stacheldraht stürzte. Sie wollte sterben. Das war wohl eine Französin. Man schüttete dann Erde auf sie, aber überlebt hat sie nicht.

In der Fabrik lagen einige Teile in Papier verpackt in Kisten. Dieses Packpapier nahm ich manchmal mit. Im Oktober und November war es bereits sehr kalt, und mein Kleid war so dünn. Ich legte mir dieses Papier unter das Kleid, um mich zu wärmen. In der Stube nahm ich es dann raus. Unsere Ersatzmutter sagte: „Wisst ihr was? Wir schreiben jetzt ein Kochbuch!“ Und wir schrieben alle Kochrezepte auf, an die wir uns noch erinnern konnten. Das half dann gegen den Hunger. Denn der Hunger war am schlimmsten. Ich hatte auch schreckliche Sehnsucht nach der Familie, wusste nicht, was mit meiner Mutter, mit den Schwestern passiert war.

Nach der Arbeit saßen wir in der Stube. Unsere Ersatzmutti passte auf, dass wir immer das Abendsgebet sprachen. Und sie war es, die zu uns sagte: „Wir geben nicht auf, wir werden singen!“ So sangen wir religiöse, manchmal auch patriotische Lieder. Die anderen meckerten allerdings: „Hört schon auf!“ Aber diese Lieder spendeten uns so viel Trost.

 

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