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Wiedersehen mit Eberswalde


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Begegnung mit den Deutschen – Wir waren nur „Banditenpack“


Wacława Gałęzowska


Auf der Straße durften wir uns nicht unterhalten, uns nicht umdrehen. Man hörte nur das Klappern unserer Holzpantinen. Deutsche Zivilisten gingen vorbei und wandten sich ab, als ob sie uns gar nicht sehen wollten. Ich weiß nicht, was sie sich dabei dachten. Wahrscheinlich hatten sie Angst. Aber in der Fabrik hatte ich einen Meister, bei dem ich die Trommelmaschine bediente. Einmal brachte er zwei belegte Brote mit und gab mir zu verstehen, dass ich sie aufessen sollte. Dabei zeigte er auf seinen Ehering: Wahrscheinlich war es seine Frau, die ihn dazu bewogen hatte, mir etwas zu essen zu bringen.

Als ich einmal während des Luftalarms einschlief und nicht in den Bunker hinunterging, fand mich eine der Aufseherinnen. Sie sprang auf mich zu und befahl, ihr meinen Holzschuh zu geben. Und mit dieser schweren Holzpantine schlug sie mich auf den Kopf. Erst als ein Werkschutz sagte: „So ein Kind schlägst du?“, besann sie sich. Im Lager wurde ich wegen Fluchtversuchs bestraft und musste Stunden lang am Stacheldraht stehen. Doch die Lagerführerin, eine große, stattliche Frau, die eine Uniform mit Schiffchen trug, schien mir zu glauben, dass es kein Fluchtversuch war. Ich denke, dass sie mich bestrafen musste, da ihr die Meldung der Aufseherin vorlag.

Einmal, als wir vor der Fabrik in Fünferkolonnen standen, trat meine Freundin Marysia einen Schritt aus der Reihe. Sofort stürzte sich ein deutscher Wachmann auf sie und verpasste ihr einen furchtbaren Tritt. Sie schrumpfte nur so in sich zusammen.

 

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Janina Wyrzykowska 

Nachdem sie uns genau abgezählt hatten, mussten wir uns in eine Fünferkolonne aufstellen und es ging los zur Fabrik. Unter Bewachung selbstverständlich. Der Weg zur Fabrik war nicht besonders lang, aber damals schien er mir ziemlich weit. Jeder Schritt war schwer. Wir liefen auf der Fahrbahn, auf den Bürgersteig durften wir nicht. Und die Leute gingen vorbei, schauten uns an. Wohl voller Verachtung, denn sie wurden instruiert, dass wir Banditenpack seien.

Die Aufseherinnen waren junge Frauen. Sie trugen Militäruniformen. Mit uns durften sie sich auf keinen Fall unterhalten. Ich weiß nicht, warum mich einmal die eine so heftig geschlagen hat, als ich die Kolonne verließ. Vielleicht hatte sie Angst, weil die Wachmänner das ganze Geschehen mit ansahen. Vielleicht dachte sie, dass es für sie ein Muss war, mich zu bestrafen. Das war eine junge, großgewachsene, hagere Frau. Sie trug einen Umhang und hatte immer eine sehr strenge Mine.

Im Lager gab es auch deutsche Frauen, und sie wurden keinen Deut besser behandelt als wir. Sie galten als Regimegegnerinnen.

 

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Marianna Bogusz


Als man uns in Fünferreihen führte, gingen meine Schwester und ich in der zweiten Reihe. Deutsche Kinder und Frauen warfen Steine nach uns, spuckten und riefen: „Polnische Schweine!“ Doch einmal, es war fast Winter, es gab ein weinig Frost und Glätte auf der Straße, marschierten wir wie gewöhnlich zur Fabrik. Unterwegs warf uns eine ältere Deutsche ein kleines Brot zu. Es fiel auf die Erde, mir fast unter die Füße. Aber ganz in der Nähe lief eine Aufseherin mit einem Hund, sie gingen immer neben jeder dritten, vierten Reihe. Bestimmt hätte sie den Hund auf mich losgelassen, hätte ich mich nach dem Brot gebückt. Die ganze Kolonne lief weiter, und das Brot wurde vollständig zertrampelt. Am Ende gab es nur noch weißen Staub, erzählten die anderen aus den hinteren Reihen.

Die Aufseherinnen wohnten in einer getrennten Baracke außerhalb der Lagerumzäunung. Einige verhielten sich richtig schlimm. Für nichts und wieder nichts gab es Schläge. Schaute eine falsch oder machte während der Arbeit einen Augenblick Pause, weil sie völlig erschöpft war, reichte das schon. Mit uns zu reden, war ihnen verboten, aber schlagen durften sie uns. Ihre richtigen Namen wussten wir nicht, aber jede hatte einen Spitznamen: „die Rothaarige“, „Koka“ oder „die mit dem Medaillon“, weil sie in einem Medaillon Fotos ihrer Eltern trug.

Einmal brachte man eine Puddingsuppe für die Aufseherinnen in die Fabrik, eine dünne, sehr dünne Suppe mit ein paar Nudeln. Als ich diesen Puddinggeruch roch, musste ich weinen. Wir standen an langen Arbeitstischen, und jede hatte ihre Schublade. „Die mit dem Medaillon“ stellte eine Schüssel mit dieser Suppe in meine Schublade, so dass ich sah, es war für mich! Ich aß ein paar Löffel und reichte die Schüssel an eine Kameradin weiter, dann noch an meine Schwester. Das war eine gute Aufseherin.

 

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