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Befreiung – nach Schweden


Marianna Bogusz


Es war wohl ein Sonntag Ende April 1945, weil wir vor den Baracken sitzen konnten. Damals bewachten sie uns nicht mehr so streng. Die Sonne schien so schön. Und plötzlich Flugzeuge. Der Himmel wurde ganz weiß vor Rauch. Man hörte nur das Brummen: uhuuu, uhuuu, uhuuu. Wir freuten uns, dass die Amerikaner oder die Russen kommen. Als die Flugzeuge weg waren, ließ man uns auf Lastwagen steigen. Die einen weinten, die anderen beteten. Noch andere erzählten, wie es im Jenseits sein wird. Dann kamen wir in Ravensbrück an und wurden zum Todesblock getrieben, einer Baracke, die niemand mehr verließ, außer für den Weg ins Krematorium. Nach einer Weile mussten wir aber auf dem Appellplatz antreten und die Winkel und Nummern abtrennen. Man brachte uns zum Zug.

Es dauerte lange, bis wir Dänemark erreichten, wo eine Fähre nach Schweden bereit stand. Alle unsere Lumpen wurden ins Meer geworfen. In Ystad standen große Militärzelte. Wir gingen duschen, wurden mit weißem Pulver bestreut, bekamen saubere Wäsche, Schuhe und Mäntel. Und dann gab es Essen. Ich weiß noch: Das waren Fischstäbchen mit Dillsoße. Alle wollten mehr, aber das war nicht erlaubt. Wir waren so ausgemergelt. Ich wog 30 Kilogramm. Die Übernachtung gab es in einer Schule in Malmö: die Klassenräume waren leergeräumt, ohne Schulbänke, nur Matratzen aus Papier lagen da ausgebreitet. Aus Papier waren auch Kissen und Decken, und sie knisterten so. Dort konnten wir uns hinlegen und schlafen. Wir fühlten uns wie die Engel im Himmel.

 

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Wacława Gałęzowska


Als wir aus Ravensbrück weggebracht wurden, hatte ich noch so einen Gedanken: Vielleicht werden sie uns im Meer ertränken, und niemand wird dann wissen, was mit uns geschehen ist. Gott sei Dank sind wir aber in Dänemark angekommen, in Kopenhagen, und wurden in einem Universitätsgebäude, in einem Saal mit Etagenbetten untergebracht. Abends stellten sich einige Frauen ans Fenster und riefen uns zu: „Kommt Mädchen! Schaut euch das mal an!“ Drüben, auf der anderen Straßenseite stand wohl ein Opernhaus. Da fuhren Autos vor, und elegante, vornehme Damen stiegen aus. Ich sagte: „Kneift euch, kneift euch! Ist das alles wahr? Leben wir noch, oder ist das nur ein Traum?“

Wir alle wurden von mehreren Ärzten untersucht. Dann musste ich mich auf die Waage stellen. Ich war so ausgemergelt, dass jede Rippe zu sehen war. Ich wog nicht einmal 28 Kilo. Der Arzt fasste sich nur an den Kopf. In meinem Gesicht waren nur große Augen zu sehen. Am nächsten Tag schickte man uns zu einer großen Halle, wo es allerlei Stände gab, wie auf einem großen Marktplatz: Wäsche, Kleider, Schuhe, sogar Handtaschen und Handschuhe. Als wir uns dann anschauten, konnten wir einander nicht wieder erkennen. Alle so sauber gewaschen, so anständig angezogen. Mein Gott!

Auf der Insel Visingsö verbrachte ich ein halbes Jahr. Das war das Paradies auf Erden! Ich hatte Diät, fünf Mal am Tag bekam ich ganz wenig zu essen. Ich tat nichts und lag auf einem Liegestuhl. Schritt für Schritt erhöhte man die Portionen, so dass ich nach einigen Monaten schon 40 Kilo wog.

 

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Janina Wyrzykowska 

Nun ist Schluss mit uns, sagten wir uns im Todesblock in Ravensbrück. Nun warten wir, bis sie uns vergasen. Zu essen und zu trinken bekamen wir nichts. Erst zwei Tage später brachte man uns diesen schwarzen, schrecklichen Ersatzkaffee. Alle stürzten sich darauf, so dass der Kaffee fast vollständig ausgeschüttet wurde und keine zu trinken bekam. Später bekamen wir amerikanische Lebensmittelpakete. Doch Mama sagte, dass wir nichts essen dürften, weil wir so ausgehungert waren.

Mit einer Fähre wurden wir nach Malmö verfrachtet. In einer Schule richtete man für uns eine provisorische Schlafstätte ein. Wir bekamen saubere Kleider, und auf dem Boden lagen papierne Matratzen, Kissen und Decken. Am nächsten Morgen fragte ich meine Mutter ungläubig: „Mama, sind wir im Himmel?“ Das war so ein Glücksgefühl. Du wachst auf und weißt nicht, ob das immer noch ein Traum ist. Du hast Angst, die Augen zu öffnen, Angst, dass dieser schöne Traum aus ist. Man war sauber, duftete, und die Bettwäsche war so weiß. Unglaublich nach dieser Hölle, durch die wir gegangen waren.

 

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